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ISO 15118-2 und ISO 15118-20 verstehen: die Zukunft von Vehicle-to-Grid (V2G)

18. Januar 2026|8 Min. Lesezeit

1. Überblick

ISO 15118 ist der internationale Standard für die digitale Kommunikation zwischen Elektrofahrzeugen (EVs) und Ladeinfrastruktur (EVSE – Electric Vehicle Supply Equipment). Er ermöglicht sicheres, automatisiertes und interoperables Laden – einschließlich bidirektionalem Energietransfer für Vehicle-to-Grid (V2G).

Zwei zentrale Teile des Standards sind:

  • ISO 15118-2 – Die derzeit breit ausgerollte Kommunikationsschicht für AC- und DC-Laden.
  • ISO 15118-20 – Das Framework der nächsten Generation mit erweiterter Funktionalität, Skalierbarkeit und bidirektionalem Energieaustausch.

Gemeinsam bilden sie die Grundlage für intelligente Energieökosysteme, in denen EVs als verteilte Energieressourcen agieren.

2. ISO 15118-2: Was heute definiert ist

ISO 15118-2 spezifiziert:

  • Digitales Kommunikationsprotokoll zwischen EV und EVSE.
  • Plug-and-Charge-Authentifizierung mittels digitaler Zertifikate.
  • Sitzungsaufbau, Ladeverhandlung und Austausch von Messdaten.
  • AC- und DC-Ladeabläufe.
  • Grundlegende Unterstützung für bidirektionalen Energietransfer.

Wesentliche technische Merkmale:

  • Kommunikationsschicht: TCP/IP über Power Line Communication (PLC) (HomePlug Green PHY).
  • Sicherheitsmodell: Public Key Infrastructure (PKI) mit digitalen Zertifikaten.
  • Nachrichtenformat: XML-basierte Nachrichten in definierten Zuständen.
  • Kernanwendungsfall: automatisierte Bezahlung und sicheres Laden ohne Nutzerinteraktion.

Einschränkungen von ISO 15118-2:

  • Begrenzte Optimierung für netzdienliche Großanwendungen.
  • Weniger flexible Steuerung dynamischer Leistungsflüsse.
  • Nicht vollständig auf moderne Energiemarkmechanismen ausgerichtet.
  • Begrenzte Unterstützung fortgeschrittener Energiemanagementstrategien.

3. ISO 15118-20: Was sich ändert

ISO 15118-20 ist eine grundlegende Weiterentwicklung, kein kleines Update. Er führt eine modularere und skalierbare Architektur für Smart Charging und V2G ein.

"ISO 15118-20 ist eine grundlegende Weiterentwicklung ... mit einer modulareren und skalierbaren Architektur für Smart Charging und V2G."

Wesentliche Verbesserungen:

  • Native Unterstützung für bidirektionales Laden (V2G, V2H, V2B).
  • Verbessertes Sitzungsmanagement und State-Handling.
  • Feingranularere Energie- und Leistungsverhandlung.
  • Bessere Integration mit Netzbetreibern und Energiemärkten.
  • Unterstützung mehrerer Kommunikations-Transportlayer über PLC hinaus.

Neue Kommunikationsoptionen umfassen:

  • PLC (wie in ISO 15118-2).
  • Ethernet.
  • Wi-Fi.
  • Mobilfunk (LTE/5G in zukünftigen Erweiterungen).

Damit ist ISO 15118-20 besser an reale Ladeökosysteme anpassbar.

4. Wie V2G unter ISO 15118-20 funktioniert

Eine typische V2G-Interaktion folgt diesen Schritten:

  1. EV verbindet sich mit einem bidirektionalen Ladegerät.
  2. Gegenseitige Authentifizierung über digitale Zertifikate.
  3. EVSE fordert Batteriestatus und Kapazität an.
  4. Netz- oder Energieanbieter sendet eine Leistungsflussanforderung.
  5. EV verhandelt zulässige Entladerate und Dauer.
  6. Energie fließt vom EV ins Netz oder Gebäude.
  7. Messdaten werden erfasst und gemeldet.
  8. Abrechnung erfolgt über Backend-Systeme.

Das ermöglicht:

  • Peak Shaving für Versorger.
  • Frequenzregelung.
  • Notstromversorgung für Haushalte (V2H).
  • Energiearbitrage (günstig laden, teuer verkaufen).

5. Interoperabilität: ISO 15118-2 vs. ISO 15118-20

FunktionISO 15118-2ISO 15118-20
Primäre NutzungLadenLaden + V2G
TransportNur PLCPLC, Ethernet, Wi-Fi, Mobilfunk
BidirektionalBegrenztNativ und optimiert
NetzdiensteGrundlegendFortgeschritten
SkalierbarkeitMittelHoch
SicherheitPKI-basiertErweitertes PKI-Modell

ISO 15118-20 ist in vielen Deployments rückwärtskompatibel ausgelegt, jedoch unterstützen nicht alle Legacy-Ladegeräte den Standard ohne Firmware- oder Hardware-Upgrades.

6. Auswirkungen auf die Branche

ISO 15118-20 ermöglicht:

  • Intelligentere Ladenetzwerke.
  • Großskalige Netzintegration von EV-Batterien.
  • Weniger Bedarf an stationären Speichern.
  • Resilientere Stromnetze.
  • Niedrigere Energiekosten für Verbraucher.
  • Neue Erlösquellen für EV-Besitzer.

Automobilhersteller, Versorger und Ladegerätehersteller richten ihre Roadmaps bereits auf ISO 15118-20 aus.

7. Verbleibende Herausforderungen

Trotz der Vorteile bestehen mehrere Hürden:

  • Kosten für den Rollout bidirektionaler Ladegeräte.
  • Regulatorische Freigabe für V2G in einigen Regionen.
  • Bedenken hinsichtlich Batteriealterung.
  • Marktstandardisierung für Energiehandel.
  • Cybersicherheitsrisiken im großen Maßstab.

Diese Themen sind technischer, wirtschaftlicher und regulatorischer Natur – nicht ausschließlich protokollbedingt.

8. Fazit

ISO 15118-2 hat die Grundlage für sicheres, automatisiertes EV-Laden geschaffen. ISO 15118-20 entwickelt diese Basis zu einem vollständigen V2G-Ökosystem weiter.

Zusammen markieren sie den Übergang von passiven Elektrofahrzeugen zu aktiven Teilnehmern im Stromnetz.

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